Zum Elefanten-Bischof

Philosophische Panorama-Tour in Herbst-Tönen zwischen

dem heliotropischen Kater Felix Blum und dem zart-bitteren Kakadu-Gelehrten.

 

29. Juni – Abend im Clubhaus.

 

Drei Mandarinen leuchteten am Himmel, als ich Lord Alfreds Einladung folgte. Der schneidige Kakadu erwartete mich bereits im Elefanten-Bischof, wo er bei Kuchen und Cognac über kontrapunktische Schachprobleme meditierte.

Lord Alfreds geheime Gin & Tonic-Rezeptur erfrischte mich wie ein Eisbad am Himalaya-Gipfel und ich sprach mit gelöster Zunge: Von Tante Goldas Klavierspiel und Tante Gertruds rheumatischen Delirium, Tante Gundulas Heilkräutern und Tante Geraldinens ewigroten Geranien, vom Kapellmeister in der Orangenkiste und seiner Flaschenpost.

Der Kakadu saugte nachdenklich an seiner Pfeife: „Mein lieber Felix, das ist ein Magnificat! Sie wurden auserkoren… wozu, wäre nun die Frage. Wie meine teure Lady Abigail zu sagen pflegte – Gott habe sie selig: Alles hat Zeit und Stunde.“

 

Peregrin: Lady Abigail, Papagei-Dame in Blau mit Cocktail-Hut.

Lady Abigail, von Lord Albert am Palmasonntagmorgen portraitiert.

Ich vergaß mich: „Mylord, ich bitte Sie! Jeder weiß, dass Sie nie vermählt, geschweige verwitwet waren. Warum sprechen Sie immer im Namen einer Lady Abigail, die es außerhalb Ihrer Fantasie nie gegeben hat? Warum wurde Lady Abigail in Ihrer Gedankenwelt totgeboren?“

 

Der Lord ließ Feuer und Schwefel auf mich regnen: „Felix, ich verbiete Ihnen, die Erinnerung an Lady Abigail mit Ihren kralligen Pfoten in den Schmutz zu treten! Wie der Pfad des Gerechten leuchtet sie im heiligsten aller heiligen Schreine meiner Seele. Ich war, ich bin und bleibe ein eingefleischter Witwer und werde meine teure Abigail so im Herzen tragen, wie es mir beliebt. Flatternd wie ein Origami in einer Schaumweinschale im Gegenlicht, als die Abendsonne durch die Physalis-Garnitur funkelt – ist sie einfach wunderschön…“

Er fuhr fort: „Felix, Sie sind ein heliotropischer Hedonist, aber ich warne Sie: Eines Tages werden Sie mit der Sonne aufstehen, Ihr geschmeidiges Gesäß gen Himmel strecken, und dem Tod in Gestalt einer leeren Türschwelle aus Kalksteinkälte ins Auge schauen. Denn Tante Golda ist eine betagte Dame – ihr Klavierspiel wird eines Abends verstummen, und der Quell von Milch und Honig im feinen Porzellan versiegen. Ein nasser Schatten, werden Sie Tante Gertrud aufsuchen, die, Salzsäule im rheumatischen Delirium, Sie durchschauen, aber nicht erkennen wird. Kratzspuren werden Sie an Tante Gundulas Tür ritzen und im Kräutergarten auf ihre Rückkehr warten – aber die Wunderheilerin kommt nie mehr heim. Kein Wasser wird aus Tante Geraldinens Balkon mehr tropfen und Sie mit heiterem Nass aus der Schlafstunde reißen – denn Geraldine verblüht hinter geschlossenen Gardinen, und mit ihr ergrauen die ewigroten Geranien… Verlassen oder verlassen werden, das ist der Lauf der Welt. Ich verließ die wandmalerische Finsternis der Höhle und zog mit meiner Equipage ins Luftschloss der Ideenwelt. In diesem Glanze müssen Sie meinen Kontrapunkt mit Lady Abigail begreifen – Gott habe sie selig.“

Der Lord leerte den halbvollen Kelch bis zur Neige und blätterte im Sammelband seiner Erinnerungen: „Wie Sie sicherlich wissen, frönte mein Erzeuger William Edgar zeit seines dissoluten Lebens seinen Lieblingslastern Cognac und Tabak und verspielte das Familienerbe beim Baccara, bevor er bei der Entenjagd am Bachufer versumpfte. Um meine Leidenschaft für Manschettenknöpfe, perlgraue Anzüge und Champagnerpyramiden zu finanzieren, ließ ich mich als Zauberflöten-Requisite engagieren. Sehr lebhaft ist mir die Gerüchteküche im Herzen des Hauses in Erinnerung geblieben. Ein offenes Feuer redete in Zungen und leckte lüstern ein gespanntes Klatsch-Ferkel ab. Das Tier biss in einen Zankapfel und seine Pirouetten erzeugten eine Höllenhitze, während Schauspieler-Abschaum kreischen in seine Flanken stach und Fett in die jodelnde Lohe floss.

Ich hüllte mich in Würde und verließ das Theater mit hochgestecktem Mantelkragen.

Die unerträgliche Langeweile des Seins erodierte mein Inneres und hatte bereits tiefe Schluchten in meine Seele gegraben, als Lady Abigail wie ein Nocturne in Weiß durch die Gartentür mein Leben betrat.“

 

Also sprach der schneidige Kakadu, als mit Fliederflügeln die Nacht hinabsank. Seine großen Augen blickten verzückt ins bunte Gefilde seiner Träume, denn der Lord hatte ausgetrunken und sich in seine Schlafkammer zurückgezogen.

 

 

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