worte Weintraubs & verwandlung

„Die Welt zerfällt in Tatsachen.“

– Ludwig Wittgenstein: Tractacus logico-philosophicus 1.2.

Des Kapellmeisters Weintraubs zweite Flaschenpost mit Blaupause eines keimenden symphonischen Universums & Verwandlungsbericht.

Musiktheoretischer Schlangenpfad mit lyrischen Sehenswürdigkeiten 

– für trittfeste Laien gut begehbar, für musische Geister ein Muss.

Peregrin: Die Leiden des jungen Drachens.

Die Leiden des jungen Drachens

12. Juli – Ein Posthorn im stillen Land.

 

Die Glocke läutete zur Vesper, als ein athletisch geölter Rabe die Ekstase eines Mückenschwarms im tiefen Flug durchbrach und mir eine Flasche aus golddurchwirktem Azur zu Füßen legte.

Ich sprang mit dem Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit auf den Lippen auf, köpfte die Flasche mit einem schnittigen Hieb und liebkoste die Schrift, die sich im Duft des frischgemähten Rasens vor mir reckte.

 

Worte Weintraubs

im Feigenblattgewand zu Zikaden-Gezirp mit Perlwein zu begießen

 

Mein felider Fidelio!

Von ganzem Herzen sei Dir für die köstliche gefillte Fisch gedankt, die heute Morgen mein Frühstücksgeschirr krönte.

 

Der Knabe gedeiht im tondichterischen Brutkasten zum prächtigen Heldenthema meiner aufkeimenden Symphonie. Die kannibalische Wüste war diesem rosig aus dem Ei geschlüpften Prinzen zu roh, und ich musste ihn ins grün-milde Biotop eines Es-Dur-Treibhauses verpflanzen. Am Born des Waldhorns geborgen, blüht er bei Birnenmilch und Traubentau auf und entwickelt ein Korallen-Gebiss.

Die von Kapellmeister Weintraub geschilderten Themen-Sprösslinge nehmen Bezug auf die nach dem Verklingen der Orakel-Fuge abgebildete Wahrsager-Karte. Diese bildliche Darstellung der Geburt der Tragödie zierte die Rückseite von Felix Blums Opus I & utlimus Gefillte Fisch – genauer: Felix Blum verfasste sein aquatisches Gedicht auf der Rückseite dieses symbolisch verklausulierten Bildes.


Anders der juvenile Drache, den ich als dekorativen Gecko unterschätzt und am Kaminfeuer gewärmt hatte. Beim Gebell von Sirius im Himmel, quoll er über Nacht zu einer giftgrünen Echse auf. Bei synkopischem Puls gelang es mir, ihn vor Abschluss der Wachstumsphase ins Niemandsland des musikalischen Zirkels zu vertreiben, wo er nun zwischen Fis-Dur-Vulkanen und Ges-Dur-Galgensumpf im ewigen enharmonischen Schach gefangen, eschatologische Haikus mit gespaltener Zunge murmelt. Dieses gewaltsame Umtopfen wird seine adoleszente Wurmseele sicherlich erschüttert haben, aber seien wir ehrlich: Antisoziale Drachen treiben seit Menschengedenken die Dichtkunst voran.

 

Nur ein Wunder kann die wunde Pelikandame im As-Dur-Spital noch retten – sie ist weiterhin thematisch nicht ansprechbar. Der Schildkrötenweise Melchior wollte Dich neulich abholen, aber die Intellektualität seines Salatbeets lag ihm schwer im Magen. Gestern brachten mir die Raben auf Olivenbrot drapiertes Carpaccio und raunten mir spöttisch, dass Du vor Schwermut wie faules Obst im Rasen schmachtest. Ich weiß, Deine Seele häutet sich gerade wie ein Reptil in der Fastenzeit. Doch Keiner ist so innig in meiner werdenden Symphonie verwoben wie Du, daher bitt‘ ich dich auf den Patellen: Wage weise zu sein und folge mir in den musikalischen Zirkel!

Weintraubs musikalische mapa mundi

Meine langersehnte Metamorphose vollzog sich nicht ohne Komplikationen. Der Wunsch nach einer organischen Rückwandlung zum Tonkünstler wurde durch eine Kapriole der chromatischen Eidechse so missdeutet, dass ich als Torso eines noch nicht montierten Organisten im Schoss meiner Orangenkiste erwachte.

Eine Unzahl von Registern und zusätzlichen Extremitäten aus den wildesten Orgelfantasien waren im Lieferumfang erhalten und machten die Montage zu einer recht undankbaren Aufgabe. Die Dominanz des Kopfmotivs hatte zu dessen inflationären Sequenzierung geführt, und ein wahres Münzkabinett an Köpfen stritt sich um die Herrschaft über meinen stumpfsinnigen Rumpf.

Dieser fernöstliche Reiher durchlebt gerade einen vergleichbaren kontrapunktischen Prozess. Erbarme Dich seiner, denn sein Leid potenziert sich ins Unendliche.

Nach hitzigem Zank beschloss der Köpfe-Rat mehrstimmig, dass ich an jedem der sechs Werktage den Kopf wechseln und mich am siebten Tage kopflos ruhen soll – jubelt und jauchzet und lobet den Herrn dafür!

Ich bade nun meine Seele in Salamander-Destillat, stähle meinen Leib durch Kaktus-Flagellationen und präludiere täglich mit dem Springseil. Letzteres lässt inneren Frost schmelzen und formt die typische Barock-Wade. Solche Exerzitien sind absolut vital, denn manch ein Komponist verfiel frühzeitig Wahn und Wein und wurde schon kompostiert, bevor er sein symphonisches Ei legen konnte.

Leider hat dieser traumatische Themenwechsel viel häuslichen Sturm und Drang hervorgebracht. Meine geliebte Orangenkiste ist emotional brüskiert und flüchtet in hesperische Phantasien. Traumtrunken verklärt sie die Grandezza längst verdufteter Zeitalter, als Rautengewächs der sorglose Stolz von königlichen Spalieren war… Schlafwandelt durch Luftschlösser und Lustgärten, verspielt verliebt unter dem Taubenschwarm der Plejaden…Turtelt mit adipösen Najaden an Tritonen-Brunnen… Hinter Taxushecken lauern glatte Marmorgötter, am Weiher grinst der bockige Schlitzohr mit dem Schilfrohr, und schau her: Ihre fruchtigen Wangen erröten beim Anblick der geschwungenen Brust eines Gartenherkules mit ungerader Rippenzahl…

Geliebte Orangenkiste, verlass mich nicht! Verlass mich nicht für einen Lustgartengott mit dreifache Armbeuger! Ich werde Dich besingen, aus voller Kehle besingen wie Salomo die Gazelle, Leibniz die Monade, und Marx das Proletariat! Felix, es muss sein, und dafür brache ich Dich als Gravitationsfeld in meinen Kreisen. Schnappe Teddybär und Zahnbürste und folge mir! Sobald die entropische Dynamik der Komposition aus motivischer Rohmaterie Themen zu bilden beginnt, werde ich Dir eine detaillierte Karte und ein musikalisches Astrolabium zukommen lassen. Meine Wochen-Häupter gesellen sich dem Tageskopf auf meinen Schultern, um Dich lieb in die Wange zu kneifen.

 

Dein Kapellmeister Weintraub

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