orakel-Fuge

Aus dem illuminierten Gehirn seiner Lordschaft ertönt eine fraktale

Orakel-Fuge aus der Gattung Contrapunctus ad absurdum. 

Es folgt die Geburt der Tragödie.

Nächtliche Nachklänge 

 

Eine livrierte Meerkatze trat mit einem Silbertablett aus der Dunkelheit hervor und hob mit gekrümmter Würde die Servierglocke. Ich erwartete den Kopf des Jochanaan zum Nachtisch und wurde von einem farbenfreudigen Hirn auf Chicorée-Radicchio-Bett überrascht, das von phosphoreszierenden Gedanken-Fluten erleuchtet wurde.

„Gestatten Sie: die Träume des Lords“, sprach der Buttler. „Heute im Hauptkanal: eine Orakel-Fuge, aus der Gattung contrapunctus ad absurdum, des Lords Lieblingstraum-Spielart. Ich wünsche Ihnen beste Unterhaltung und empfehle mich.“ 

 

Die Vorhänge verschlangen die livrierte Meerkatze in weinroter Zeltnacht, und aus der Finsternis sprach das Hirn seiner Lordschaft.

Anmerkung des Herausgebers: Selbstreferentielle Marginalien zum prophetischen Eigenleben meines Gehirns sind mir leider nicht gestattet. Neugierige Leserinnen und Leser seien daher an die Schwarm-Intelligenz weiter verwiesen.

Es bedankt sich Lord A. für verständnisvolles Nicken.

 

ORAKEL-FUGE

 

 Anmutiger Kater! Mit hellgrünen Augen befragst du die Sterne,

Durstig nach Wie und Warum wie der Krebs im Geheul des Vollmonds.

Frösche im Teich besingen die schaumgeborene Göttin,

Schönheit gewordene Liebe im Obstkorb des Meeres.

 

Luzifer heißt sie morgens vor dem Spiegel und Hesperus zur

Vesper, wenn turtelnd die Tauben Hand in Hand spazieren –

Phosphorus, kaltes Feuer aus Brandes alchemistischem Nachttopf,

Leuchtet mit blauem Auge im ersten Haus mit Balkon.

 

Halbierter Kugelkater, dein Blick schmachtet so meergrün, denn

Lieblich erscheint die Orangenkiste am Fluchtpunkt deiner Sehnsucht.

Leise im agogischen Zauber schwebt sie als Krone der Brandung und

Reift im Schatten ihrer Laube zu taufrischer Spätlese.

 

Sehen wirst du sie in der Ferne, und nie ins Leben wiederkehren,

Wandern wird die Wüste zum salzigen Blau des mythischen Hafens,

Sonnige Omina im Flug geschwind auf links gedreht

Haben den düsteren Durchblick des Frosches mit der Laute.

 

Ad riverso

 

Durstige Augen! Verkatert heult der Krebs im Grünen;

Wie? Fragt er den Mond, und Warum? die Sterne voller Anmut.

Schaum gewordene Liebe besingt im Teich die Frösche,

Meeresobst von göttlicher Schönheit fällt durch den Korb.

 

Quecksilbriger Freund des tragisch verliebten Veronesen,

Schnüre die beflügelten Sandalen und führe den träumenden Kater!

Wurzel werden wachsen und Häuser zerfallen; wo mahnende Maulbeeren

Liebendes Blut bis zur Neige tranken, wird wehen die Ödnis.

 

Halbierter Kugelkater, in deinen Augen grünt der Vollmond,

Wie? und Warum? verschwimmen im leisen agogischen Zauber.

Reifest du im Schatten der orangenen Krone zu taufrischer Spätlese,

Schäumst du vor Sehnsucht im Obstkorb der Brandung.

 

Sehen wird sie dich an der Linie, die Meer und Himmel scheidet,

Wie? und Warum? wird sie fragen, agogisch zaudern und erstarren.

Dreimal klagen wird der Löwe im Tempel und die Ziege gemolken,

Dreimal in Mehl gewendet ist der Fisch – der Rest ist Kadenz.

 

Die Traumlichter ebbten gerade aus dem Silberteller, als der Butler sich wieder stillen Schrittes heranschlich. Aus kornblumenblauem Brokat und mit Sternen illuminiert, fiel die Decke über den Käfig des schlafenden Kakadus, und als das abgekühlte Hirn unter der Glockenhaube fortgetragen wurde, fiel mir eine Wahrsager-Karte auf der Tischdecke ins Auge. Ein Nicken der Meerkatze bejahte meinen Blick, als ich sie aufhob und in die Mondscheinbrise hinaustrug.

Die Geburt der Tragödie

Alle auf dieser Internetpräsenz dargestellten Texte & Bilder

wurden eigenhändig erstellt und sind urheberrechtlich geschützt.