musica poetica

Felix Blums idyllische Bildungsreise führt ihn zum Einsiedler-Papst Severin Löwenzahn.

Dieser schenkt ihm eine Schneekugel Weisheit. 

Peregrin: Madrigal im Grünen mit Dr. Löwenzahn, Biene, Wespe und Hummel bei Pilz-Möbeln.

Madrigal im Grünen

1. August – Musica poetica: eine Bildungsreise.

 

Der prominente Einsiedler Dr. Severin Löwenzahn saß vor seiner stilvoll eingerichteten Blitzschnecken-Klause und wedelte mit den Armen, als er mich die Birkenallee hinaufschlendern sah.

– „Ein Jünger!“ rief er euphorisch. „Ein Jünger beim Einsiedlerpapst Löwenzahn! Möchten Sie ein Buch mit Widmung ergattern?“

– „Herr Doktor, ich möchte mich von Ihnen musikalisch unterrichten lassen.“

– „Mein Lieber, nehmen Sie erstmal Platz! Im Zebra-Schatten der Birke ist es schön kühl… Ein herrlich süßsaurer Abend, nicht wahr?“

– „Ich heiße Felix, Felix Blum, sehr erfreut!“

– „Ach ja, ich merke mir keine Namen, und es ist gut so. Möchten Sie einen Wurzeltee? Ich ernähre mich rein pflanzlich, das müssen Sie wissen… Das Umwandeln von Wurzeln in Potenzen stärkt Leib und Seele.“

Ich ließ alle Hoffnung fahren und sank mit schnörkeligem dank in einen elegant geschwungenen Pilzstuhl. Schwalben trockneten auf der Wäscheleine.

– „Sie kommen gerade richtig“, fuhr der promovierte Einsiedler fort. „Ich bin noch ganz berauscht von den harmonischen Waben von Wespen, Bienen und Hummeln im gemischten Chorsatz. Wie die Flugbahnen der Einzelstimmen umeinanderkreisen, Nektarpausen das Geflecht lüften, und der Schwarm periodisch in Ekstase gerät!“

– Wo sind sie jetzt?

– Sie singen nur in schattenlosen Mittagsstunden.

– Sind sie solchen Freuden zuliebe Einsiedler geworden?

– Hören Sie: Im besten Mannesalter genoss ich als Dirigent den Ruf einer Koryphäe auf dem Gebiet des polyphonischen Madrigalgesangs der Spätrenaissance im englischen Essex um den 26. Mai 1588 gegen Zehn nach Fünf zur Teestunde mit Mandelgebäck und publizierte ausufernd zu diesem breitgefächerten Thema. Als meine Maestro-Mähne beim kompromisslosen Einsatz für die musica poetica in freier Natur vom Winde verweht wurde, erkannte ich den richtigen Zeitpunkt und verließ das Dirigentenpult mit einer tiefen Verbeugung und einer Flasche Mouton-Rothschild des besten Jahrgangs, um die Auswirkung von Cumulus-Herden an der Himmelsweide auf die Naturpoetik im Wandel der Lenzgeschichte zu erforschen. Davon handelt übrigens mein erster Ratgeber: Eremit ohne Limit, ein Anachoret berichtet. Ein Erfolg, muss ich sagen… Einsiedeln ist das neue Feng-Shui. Aber genug von mir… Sie wollen bestimmt mein Petrus werden?

– Ich nähme gerne Musikunterricht bei Ihnen, Herr Doktor. Lord Albert empfahl mir wärmstens Ihre kompetente Unterweisung.

– Lord Albert? Ein reizender Zeitgenosse, ein wahrer Renaissance-Papagei. Aber ich muss Sie enttäuschen: Ich unterrichte nicht – ich lehre. Ich belehre nicht – ich weihe und lenke… lüfte Schleier um Schleier um bauchtanzende Mysterien der Klang-Kosmologie… Sind Sie mindestens ein musikalischer Kater, Herbert?

– Felix. Felix Blum. Selbst-Diagnosen sind eine delikate Angelegenheit…

– Ich vermute einen tieferen Zusammenhang zwischen musischer Naturbegabung und dem angeborenen Besitz von Flügelpaaren, aber stehe noch am Beginn der Erforschung einer tiefgreifenden und inneren Kausalität. Mit Flügeln meine ich mitnichten diese neumodischen Tasteninstrumente mit seelenlosem Zebra-Gebiss, sondern das Antriebswerk von Federvieh und Kerbtier im Dienste des ältesten Urtraums der Menschheit…

– Sie meinen das Fliegen?

– Jawohl, das Fliegen mit angeborenen Flügeln… ohne technische Flunkereien wie Düsenantrieb und Teppiche.

– Dann sind wir gleichermaßen vom Begnadeten-Club angeschlossen?

– Als Dirigent und Dozent bin ich Inspirator und Inkubator in einem, erhebe und erniedrige eine Schar von Beflügelten, deren stammelnde Naturbegabung mit kübelweise Kuhmist gedüngt und von drahtigen Gärtnerhänden mit aller ästhetischen Strenge gestützt und aufgebunden werden muss. Der Quantensprung von Gabe zu Genialität entsteht in der Ellipse, merken Sie sich das, Eloise!

– Felix, Felix Blum. Und zur Ausprägung meiner Musikalität: Ich würde mich bescheiden als gebildeten Laien bezeichnen und zähle mich nur peripher zur Menschheit, soweit ich als hochgeschätztes Accessoire an ihrer Traumwelt teilhaben darf.

– Das hört man ungern… Aber meinem teuren Papagei-Freund Alfred zuliebe, muss ich Ihnen die musiktheoretische Butterfahrt wohl gönnen. Fangen wir also an, meine Zeit ist unheimlich kostbar.

– Ich küsse Ihnen die Füße, Herr Doktor!

– Das können Sie laut sagen und in Ihre Nachtgebete einflechten! Ich bin nämlich ein sehr beschäftigter Mann, und Erfolg in der Einsiedlerszene muss als überqualifizierter Quereinsteiger hart erarbeitet werden. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, aber ich hatte auf dem Gipfel meines Abstiegs in die Weltberühmtheit den genialen Einfall, meine Zeit einer schweizerischen Bank anzuvertrauen. Sie wird in einem Schließfach Tausend Meter unter dem Pflaster von Bern aufbewahrt, und ich trage nur die nötigste bare Zeit bei mir, mit der ich spartanisch-sparsam haushalten muss.

– Haben Sie keine Sorgen um einen Wertverlust? Wir leben bekanntlich in beschleunigten Zeiten…

– Gerade deshalb! Der Zeitwert steigt kontinuierlich rasant, während ich hier im Grünen zum Erblühen des apidologischen Madrigals beitrage. Ich sage Ihnen was, Isidor: Das Leben ist ein tropfender Wasserhahn, und eh er zweimal kräht, ist alles aus und vorbei. Davon handelt mein zukünftiger Bestseller: Sein ohne Zeit. Dr. Löwenzahns Top-Investment-Tipps für Glück & Gloria auf grünen Gletschern.

– Ich bestehe auf einem Exemplar mit Widmung!

– Kriegen Sie. Und hier gleich mein gegenwärtiger Bestseller: Stille mit Stil. Wie heißen Sie nochmal?

– Felix. Felix Blum. Welch eine Ehre, Herr Doktor! Aber ich flehe Sie an, könnten Sie mir im Flug den musikalischen Zirkel erläutern?

– Hartnäckig ist er auch noch! Also gut… Inspizieren wir zuerst Ihre Grundlagen. Wieviel Stammtöne sind Ihnen bekannt?

– C-D-E-F-G-A-H, also runde sieben.

– Die Weisheit hat ihr Haus gebaut und ihre sieben Säulen behauen, wie Salomo schön sagte. Auf H folgt wieder C, wie auf Sonntag leider Gottes Montag. Jetzt: Ein C legt sich schlafen und sieht im Traum eine Tonleiter, deren Spitze den Himmel berührt. Hübsche Engel steigen daran auf und nieder. Ein elfiges Engelskind weiß noch nicht, dass zwischen den Tönen E & F und zwischen den Tönen H & C anstatt eines ganzen Schrittes lediglich ein halber Schritt liegt. Es fällt von der Leiter, verletzt sich am Knie und bricht in Tränen aus. Die guten Sanitäter sind gleich an Ort und Stelle und lehren ihn, dass zwischen dem dritten & vierten, sowie dem siebten & achten Ton eine devote Kniebeuge zu machen sei. Soweit alles klar?

– Wie vulkanisches Quellwasser…

– Also weiter. Da bleibt ein D in der dorischen Provinz über Nacht, denn die Sonne war untergangen. Es legt sich schlafen und träumt von einer Himmelstonleiter mit Engeln, die daran auf- und niedersteigen. Das Engelskind ist wieder eifrig dabei und wähnt sich nun kundig – aber erneut stürzt es von der Leiter, verstaucht sich den Knöchel und muss hemmungslos heulen. Wieso?

– Nun, D liegt ein Ton über C. Das Engelskind hätte die Kniebeuge schon zwischen der zweiten und dritten Stufe machen sollen.

– So ist es! Wie ergeht es dem einfältigen Engelein beim frugalen Phrygier E?

– Der Phrygier E steht auf dem falschen Fuß auf, und der Engelbengel stolpert schon beim ersten Schritt auf der Leiter. Beim Sturz schlürft er sich nur seelisch ab, aber das Trauma sitzt tief im psychischen Gewebe und wird im späteren Lebensverlauf das Gefallene-Engel-Syndrom in Begleitung von manisch-depressiven Episoden hervorrufen. Er erreicht das 27. Lebensjahr mit Müh und Not und stirbt an einem goldenen Schuss in einer Hotelbadewanne in Las Vegas.

– Gut kombiniert, Kunigunde. Drei weitere Male muss der Engelenkel stürzen, um die Schrittkombinationen aller Modi zu beherrschen.

– F, G, A?

– Connaisseurs sprechen von Lydisch, Mixolydisch und Äolisch, nach alt-griechischen Provinzen – wie auch Dorisch, Phrygisch und Ionisch. Der mittelalterliche Mönch Boethius brachte die ursprüngliche Geographie durch seine lateinische Übersetzung bei Kerzenschein und Klosterwein durcheinander und wurde unabhängig davon unwürdig verhaftet, seiner Güter beraubt und von einem Pavian mit dem Schwert hingerichtet. Die Hellenen selbst berechneten ihre Skalen übrigens von oben nach unten und träumten generell vom Himmel herab. Wie Sie wissen, pflegten olympischen Götter traditionell ins provinzielle Sterbliche hinabzusteigen und da unten Kinder zu zeugen, um sie später zu quälen und in den tragischen Theatertod zu treiben. Unsere Kirchen-Skalen sind dagegen Ton gewordenes Brot und Wein aus warmer Luft und erheben sich nach dem bekannten Kamineffekt, den spätgotische Bauten hervorragend auszunutzen wussten.

– Aber einer fehlt doch…

– Ja. H… Die heillose Höllenrose! 

Peregrin: Der Tritonus,  Diabolus in Musica. Grüner Teufel mit Hufen und Dreizahn.

Die Erzfeindschaft zwischen F und H gipfelte vorzeiten in den blutigen Tritonus-Kriegen der modalen Ära. Denn zwischen Beiden liegen genau drei Ganztonschritte, die aneinander gekettet einen teuflischen Tritonus bilden. Wenn er die unbefleckte Oktave mittig durchschneidet, schreit ein unsäglicher Missklang zum Himmel. Auch die fromm F-Tonleiter barg einen Splitter dieser teuflischen Ausgeburt im Herzen. Kapuzenritter erniedrigten das widerspenstige H mit dem Versetzungs-Zeichen b um einen Halbton und tauften den Reumütigen B. Dessen Sohn Benedictus schloss im Wohlklang einer reinen Quarte Frieden mit Fridolin dem I. von Lydien.


 Dem König des arkadischen F-Dur?

– Bleiben Sie bitte bei Fuß, meine liebe Roswitha. Dur und Moll schlummerten zu jener Zeit noch im modalen Ei und wurden mit Perückenlocken, beschnittenen Bosketten und der Newtonschen Weltmechanik erst im gepuderten Barock zur dominanten Kraft.

– Ich bitte um Verzeihung.

– Ja, tun Sie das ruhig! Das Wesen der Musik zu erforschen, gleicht einem Tauziehen mit ellenlangen Wurzeln, und das knotige Rhizom der Weltgeschichte muss man mit schwieliger Hand fest packen.  Vertiefen Sie sich in Ihren musikalischen Zirkel, als würden Sie ein Valium getränktes Mandala hypnotisieren.

Anm. des Herausgebers: Aktiv teilnehmende Leserinnen & Leser mögen sich nun bei dieser Vertiefungsübung in die musiktheoretische Kabbala ein Pfefferminz-Bonbon auf die Zunge legen und beim begleitenden Ausatmen auf den gemeinen musikalisch-renitenten Pöbel verächtlich hinabschauen.

Gut… Ganz tief einatmen… Noch tiefer, dass es Ihnen die Eingeweide herausreißt wie ein pazifistischer Tornado die Kokospalmen… Sehr gut. Jetzt notieren Sie bitte die Antipoden, die Fuß an Fuß liegen: F gegen H, C gegen Fis, Es gegen A, und-so-weiter-und-so-fort… Was sehen Sie?– Die gegenüberliegenden Tonarten bilden einen Tritonus-Abstand zueinander! Sie hassen sich! Ja, ich sehe blanken Hass, Hund und Katz, Blut und Zorn! 

 

– Jetzt ist mal gut…kommen Sie in Gottes Namen wieder zu sich! Es sind Fossilien dieser vorzeitigen Erzfeindschaften. Dagegen liegt B-Dur heute friedlich an der Flanke F-Durs unter der milden Herrschaft von Königin Beate der Gottesanbeterin. 

Peregrin: Regina Beata, die Gottesanbeterin und demütige Königin von B-Dur.

Die fromme Königin Beate von B-Dur

 – Aber Herr Doktor, was ist mit Dur und Moll?

– Ob Dur oder Moll, entscheidet die Terz – also der Abstand zwischen erstem & drittem Ton der Leiter. Bei Dur ist sie groß, bei Moll klein. Das lernt unser Engelein als nächstes, wenn es zwei Stufen auf einmal nehmen lernt: 1 ganzer Schritt + ½ Schritt = Moll-Terz, 2 ganze Schritte = Dur-Terz.

– Dann wäre Dur eine süße Orangenkugel und Moll eine elliptisch-saure Zitrone?

– Hortensia-Pia, wir sind nicht beim ayurvedischen Kochkurs! Was ich Sie lehre, ist die, frei nach Leibniz, heilige mathematische Tätigkeit der Seele, die nicht weißt, dass sie rechnet! Also, wer Ohren hat höre: Vier waren die modalen Erzväter. In der Brust von D und E pochte eine kleine Terz und ein weiches Herz. E verstarb an phlegmatischer Schwermut und blieb kinderlos. D dagegen, vorzeiten stolzer erster Ton, zeugte die anmutige Äolische, harfenkitzelnde Urmutter der zwölf Molltonarten. Er versank später im Mohnblumenfeld, aber sein Geist durchdringt heute noch die Wälder d-Molls. Denn die Wurzeln von d-Moll sind dorisch. Habe ich schon erwähnt, dass–

– Dass Sie sich rein pflanzlich ernähren? Ja, das sagten Sie schon, Herr Doktor.

– Frech ist es auch noch… Wo weilten wir?

– Bei der äolischen Mollmutter, Herr Doktor.

 

– Genau…Nun zu Dur. Kraft seiner großen Terz überstand F die schwere Tritonus-Erkrankung und zeugte das strahlende ionische C und zukünftigen Vater der zwölf Dur-Stämme. G widmete seinerseits die reichen Gaben seiner großen Terz dem Herrn und war nicht mehr, denn der Herr hatte ihn genommen. Nun mein lieber Anästhesius: Meine Sonnenblumenuhren neigen ermattet den Kopf, und ich bin wie gesagt ein vielbeschäftigter Jetset-Einsiedler. Üben Sie fleißig Tonleiter und gurgeln Sie dreimal täglich mit Inbrunst.

An dieser Stelle möchte sich der Herausgeber einen zuwinkenden Hinweis auf seine Kleine Tonartenlehre für die Handtasche gestatten. Wie viele potente Geister vor ihm, hat er mit seiner Tonarten-Charakteristik für Feinschmecker einen bedeutenden Beitrag zum Kirchenmusik-Genuss im Urlaub geleistet, der hier nur lapidar angedeutet werden kann.

 

DIE KIRCHENMODI

& IHRE CHARAKTERISTIK:

Ionisch (Dur): Sonnenaufgang am Berg Ararat. Rauchiger Jubel mit dezenter Zitrusnote.

Dorisch: Schnee am Kilimandscharo bei klarer Witterung, abgerundete Andacht mit aromatischer Todessehnsucht im Abgang.

Phrygisch: Geierhitze mit Fata-Morgana-Fieber in der süd-sudanischen Wüste. Chilischarfer Todesrausch mit einem Hauch Orange.

Lydisch: Honigsüßer Strand in Polynesien bei mildem Zephir, heiteres Himmelblau in Kokosmilch.

Mixolydisch: Irisch-grüner Moos im Lenztau, torfig-vitaler Jungbrunnen mit fruchtiger Note.

Äolisch (Moll): Sonnenuntergang mediteran, Meeresstille & glückliche Fahrt mit ölig-blumigen Bouquet.

(Aus Rücksicht für sittliche Sensibilitäten muss hier auf eine Beschreibung des H-Modus verzichtet werden.)


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