Flaschenpost

Narrative Eröffnungszüge bei mildem Strandwetter – Exposition des Kater-Themas und des Kapellmeister-Gegenthemas im brieflichen Dialog Verwandlungsszene  Kadenzierende Rochade.

 

21. Juni – Der Welt abhanden gekommen.

 

Wüst und einsam lag die Stadt, als der Morgen das Grauen vertrieb. Ich schlüpfte aus einem fischartigen Traum, den ich nicht zu deuten vermochte, schlürfte Milch und Honig aus Goldas feinem Porzellan und präludierte wohltemperiert zur Strandpromenade.

Die Rosenfinger der Dämmerung kraulten meinen Rücken am Meeresufer, als hungrige Wellen meine Schritte wie warmen Sandkuchen verschlangen, und ich brach in laute Klagen aus – denn mein Leben unter der Sonne gerann ohne Sinnhaftigkeit, und weder Milch noch Honig vermochten meinen lyrischen Durst zu stillen.

Eine berauschte Welle stürmte vorbei, umarmte mich salzig-innig, und legte mir eine Flasche aus himmlischem Blau zu Füßen. Wolkenlose Orangen und die Inschrift Worte Weintraubs in geflochtenen Versalien vollendeten ihre römische Schönheit. Ich rollte den Strand mit der Azurflasche zu Strudelteig, beschämt ob der aufgerissenen Schnäbel meiner Weisheitsküken und ihrer Gier nach Erlösungs-Elixieren.

Da kehrte der Krebsgreis Archibald mit durstiger Seele von seinem bevorstehenden Spaziergang zurück und köpfte ungebeten die Flasche, die mit einem leisen Seufzer ihre Leere aushauchte. Er entzog ihren Eingeweiden eine Papierrolle und verstarb ungestillt im feuchten Sandkornfeld.

Der mit prallen Reben geprägte Siegel brach im Seewind und die Schrift entfaltete sich wie eine gähnende Morgenrose zu meinen Füßen.

 

Worte Weintraubs

Kapellmeister & Tontöpfer

 

Werter Unbekannter!

Wenn das Zusammenspiel von Sand und Meer Dir meine Worte in die Hände legt, haben Dich Wind und Welle im Konsens mit weiteren ausgeleierten Alliterationen auserkoren. Ich weile in der Wüste unter dem Schirm einer liebenden Orangenkiste. Ewig in ihrem Zelte will ich wohnen, denn im Brutkasten saftiger Apfelsinen will mein Beginnen vollendet werden. 

Kapellmeister Weintraubs Komponierhäusl

Einst ein gefeierter Kapellmeister im Graben, sah ich viele Vorhänge voreinander fallen. In einer Verdichtung von staubigem Rot umhüllten sie mich wie die Schale einer hundertjährigen Zwiebel. Von Tränen geblendet, stach ich eines Abends im Eifer des Gefechts mit dem Taktstock durch die wallende Wand zu und hörte den Schmerzensschrei des Lauschenden, den ich aus Versehen tödlich getroffen hatte. Im Tomatensaft lag er schachmatt auf den Brettern, das noch pochende Herz in der marmornen Hand – ein Statist aus dem ersten Akt, der meine Gesichtszüge trug. Das Einbildungsbürgertum erhob sich murmelnd, um seine Empörung beim Glockenspiel von Dom Pérignon kundzutun – ich hüllte mich in Trauer und verließ das Theater mit hochgestecktem Mantelkragen.

Es war ein messerscharfer Winter, die Straße schmeckte salzig und vom Briefkasten wehte der Pestgeruch amtlicher Schreiben im Verwesungsprozess. Ich trug meinen Schatten in die eisige Finsternis der Wohnung hinauf und verwünschte bei Kerzenschein und pikanten Fischdelikatessen den Tag meiner Geburt – denn mein Leiden wog schwerer als die unendliche Zahl der Sandkörner auf Erden.

 

De Profundis wachte der grüne Löwe im Bad auf, jagte mich japsend aus dem Haus, hetzte mich zum Dom und die Wendeltreppe hinauf, wo ich die von tüchtigen Mönchsandalen rundgetretenen Steinstufen mit Siebenmeilenstiefeln erklomm. 

Der Grüne Löwe: alchemistisches Sinnbild für Mittel, die Gold zu lösen vermögen. 

Ich bin der wahre grüne & goldene Löwe ohne Sorgen

In mir sind alle Geheimnisse der Weisen verborgen.

– Aus dem Rosengarten der Weisen


Durch die Steigung erhitzt und fast am Siedepunkt, verlor ich Schritt für Schritt meine gewohnte Körperlichkeit, und die drückende Schwere hatte mich schon verlassen, als die schlaftrunkene Glocke taumelnd den Anker hievte.

Mit orkanischer Gewalt erfasste mich die Klangwelle, wusch mir die Angst von den Füßen, und an ihrer Hand glitt ich sanft und sachte ins kühle Firmament der schwebenden Obertöne hinauf… hoch hinauf, bis zu diesem Kuss der ganzen Welt über dem Sternenzelt… Ave verum corpus. Stabile Seitenlage – stille Nacht.  

 

Erlaube mir an dieser Stelle einen methodischen Einschub, denn ich muss Dich vorweg in die immanente Musikalität meines Wesens einweihen.

Anatomie eines Kofferfisch-Themas

Wie Du anhand der Abbildung dieses robusten Bachschen Kofferfischthemas sehen kannst, besteht ein musikalisches Thema aus Motiv genannten Gliedmaßen. Notiere bitte die dynamische Ausprägung des Kopfmotivs: Emporsteigende Melodik und rhythmischer Heldenmut der edlen Stirn werden von Aug und Mund lyrisch abgerundet. Das Flossenmotiv beflügelt das Thema mit melodischer Anmut und rahmt in dreifaltiger Gestalt den thematischen Rumpf in ein mystisches Dreieck ein. Von flossiger Gestalt und symmetrisch gefächert, krönt die Kadenz das Thema und segnet es mit tonaler Stabilität.

Sequenzierung nennt sich die Wiederholung eines Motivs oder Themas auf anderer Tonhöhe in der gleichen Stimme und sollte mit der Imitation nicht verwechselt werden, denn Letztere erklingt per se in einer fremden Stimme. Besonders bei Fugenthemen beliebt, ist eine Anpassung der Imitation an ihrer neuen Umgebung, die oft eine Schönheitsoperation am Kopfthema mit sich bringt.

Tonale Imitation eines Steinbutt-Themas

Die Imitation des Steinbutt-Themas in der Oberstimme (heraldisch links, also rechts) erfordert eine Anpassung des Augenwinkels and die neugewonnene Perspektive. In seiner archaischen Gewalt und der dichten Chromatik seiner Flossen bleibt das Steinbutt-Thema eine Säule der Sündenfall-Rhetorik. Notiere bitte die anklagende Bitterkeit um die Mundpartie.

 

Nun zurück zum zweiten Akt meiner Verwandlung. Ich erwachte im warmen Sandkasten unter den Fittichen meiner Orangenkiste. Vom Würgegriff aller ungelösten Dissonanzen befreit, war ich nun im abrahamitischen Schoß der Einfältigkeit meiner neuen thematischen Struktur geborgen.

Eine Sehnsucht nach apollinischer Harmonie hatte mein Wesen in die atavistische Gestalt eines bodenständigen Rochens gegossen. Und siehe da, es war sehr gut. Der Zitrusduft erfrischte meine Sinne und auch ich war in Arkadien. Es ward Abend und Morgen, der erste Tag.

Beim zweiten Wimpernschlag der Morgenröte erschien die alabasterweiße Friedensfermate und sprach: „Es ist nicht gut, dass du alleine bist. Ich will dein Thema spiegeln, dass du vollkommen wirst.“ Und sie schenkte meinem Rochenthema einen siamesischen Zwillingsbruder. Wie die Waage der Justitia bildeten wir ein paradigmatisches Palindrom.

Das Organgenkisten-Thema (siehe Abbildung oben) besteht aus zwei Schlüssel-Motiven: Jaffa (Hebräisch für „die Schöne“) und Pardes, dem Obstgarten.

Jaffa, die Meeresschöne, ist eine Stadt der Vorzeit. Japhet, der Sohn Noahs hat sie gegründet, hat sie gebaut und sie nach sich benannt. Aber von Japhets großer Schönheit sit ihr nur das verblieben, was Menschen ihr nicht fortnehmen konnten.

– Shai Agnon

Das Wort Pardes, Hebräisch für Obstgarten, stammt aus dem alt-iranischen Avestischen und bezeichnet einen umschlossenen Garten. Das Wort Paradies wurde davon abgeleitet. Nach rabbinischer Überlieferung ist der Pardes ein Sinnbild der höchsten Erkenntnisstufe und des durch Kontemplation eines Schriftverses vollzogenen geistigen Aufstiegs – vom Wortsinn, durch Hinweis und Forschen, bis zum verschlüsselten Geheimnis. Das „Betreten des Obstgartens“ ist mit den Gefahren der Erkenntnis verbunden und kann den Verstand, den Glauben oder gar das Leben kosten.

 


Rochen-Palindrom

Da erschien die alabasterweiße Friedensfermate erneut und sprach: „Es ist nicht gut, dass du immer waagerecht liegst. Ich will dein Thema in eine andere Dimension spiegeln, dass du vollkommen wirst.“

Und sie schenkte mir die thematische Gestalt einer Rochenrose, die mit dem für Kreuzblütler-Stoiker typisch verflachte Affekt in sich ruhte.

Rochen-Rose

Es war Mittag und am Himmel brutzelte ein Spiegelei von vollkommener Gestalt, als die chromatische Eidechse an mein Lager trat und sprach: „Wie lange willst du denn der Friedensfermate als Rochenrosenthema dienen? Sie hält dich am abarischen Punkt des Lebens gefangen.“ 

Im vierstimmigen Wohlklang antwortete meine Stimme: „Ich bin erleuchtet im Schoss des Friedens erwacht. Ich denke nicht, also bin ich selig. Störe meine Kreise nicht und verschwinde.“

Da sprach die chromatische Eidechse: „Es ist nicht gut, dass du alleine bist. Du musst in den Lebenstaumel zurück, in die rauschenden Meere der Resonanz.“

 

Als abarisch bezeichnet man den gravitationsfreien Punkt zwischen zwei Massen, in dem sich deren Anziehungkräfte aufheben. In der Musik, nur durch Auflösung der Tonalität anzustreben, da Gefühlsregungen beim Musikliebhaber auf Spannungsfelder innerhalb des tonalen Universums zurückzuführen sind. Um sich diesen Emotion-generierenden Gezeitenkräften auszusetzen, wirft sich der eingefleischte Melomane in Sonntagschale und besucht Konzertsäle, wo er von begnadeten Pinguinen beglückt wird. Atonale Musik schwebt dagegen im schwerelosen All, atmet Luft anderer Planeten und löst beim Zuhörer einen akuten Serotonin-Entzug, der bestenfalls zur Entfachung seiner schlummernden Intellektualität beitragen kann.


Gewogen antwortete meine Stimme: „Ich habe genug gelitten, wurde durch Fugen gejagt, von Passacaglien gerädert. Ich habe mich in Durchführungen abgespaltet und wurde liquidiert. Störe meine Kreise nicht und verschwinde.“

Anm. des Herausgebers: Unter Fuge ist hier die kontrapunktische Verfolgung eines flüchtigen Subjekts zu verstehen. Die Begriffe der Durchführung und Liquidation können demnächst dank Weintraubs Skizzen zur Sonatenform zu vertieft werden.

Die chromatische Eidechse insistierte: „Noch einmal wage dich ins Leben zurück. Werde vom Fisch zum Schiff, küsse die Schneeflügel deiner Fermate zum Abschied, und trete zu deiner letzten Reise an. Als Auftakt zerschlag eine Flasche Schaumwein, ein heroisches Kopfmotiv bring als Galionsfigur unter dem Bugspriet deines Themas an! Hisse das Sehnsuchtsmotiv und hieve den Anker. Komponiere und werde komponiert!“ Sprach es – und verschwand im Sand.

Ich sank ermattet dem Todesbruder in die arme und wurde von einem pastoralen Traum besucht. Meine geliebte Orangenkiste war eine noch junge Mutter und sorgte für eine Burt unreifer Dorfpomeranzen. Um sie mit den Wohltaten der frischen Luft zu segnen, hatte sie die Früchte zum Spielplatz gebracht und auf die Wiesen gelegt. Aus einer nahen Parkbank behielt sie das dünnhäutige Obst im Auge, das eng aneinander gekuschelt in einem ordentlichen Dreieck lag. Da schoss aus dem Nichts ein weißer Ball mit kometenhaftem Schwung und traf den Herd kleiner Orangen mit voller Wucht. Diese rollten über den Rasen, stießen einander ab – einige versanken in pastellfarbigen Kaninchenbauten.

An dieser Stelle wachte ich mit einer Eingebung auf. Denn ich wollte mein Beginnen vollenden und in erdfremder Einsamkeit ein weltengroßes symphonisches Ei legen. Am Anfang war – die weiße Kugel. Ja, lieber Unbekannter, ich bitte dich um eine Partie Billard. Rein platonisch, versteht sich.

 

Am Tor, das Meer und Wüste trennt, wacht mit starrem Nacken ein vom Winde gepeitschter Briefkasten. Gehütet und gefüttert wird er von scholastischen Geiern, die das Monokel stolz auf dem Säbelschnabel tragen. Unter dem gütigen Zimtstern harren sie nun der Empfängnis Deiner Post, während ich den Hufen lachender Kamele auf honigsüßen Sandgiebeln lausche.

 

Dein Kapellmeister Weintraub

Alle auf dieser Internetpräsenz dargestellten Texte & Bilder

wurden eigenhändig erstellt und sind urheberrechtlich geschützt.